Soziale Dienstleistungen im Bundesland Salzburg
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Kein Dach über dem Kopf, keinen Boden unter den Füßen

von Petra Geschwendtner

 

Wohnungslosigkeit (1) kann nicht abgeschieden für sich betrachtet werden, sondern beruht auf einer Kumulation und Korrelation von Unterversorgung sowie Defiziten und ist als extremer Ausdruck von Armut zu verstehen. Die Entstehungsbedingungen sind komplex und mehrdimensional. Durch ein Zusammenspiel von personalen, biographischen und gesellschaftlichen Faktoren bedarf es folglich ebenso differenzierter Lösungs- und Bewältigungsstrategien.

 

Es steht außer Zweifel, dass Wohnen neben Gesundheit, Nahrung und Kleidung zu jenen Lebensnotwendigkeiten zählt, deren Befriedigung unerlässlich ist. Zwischen dem Grundbedürfnis Wohnen und den anderen Grundbedürfnissen (Nahrung, Kleidung, Gesundheit, Körperpflege etc.) besteht eine Interdependenz, somit ist evident, dass die Befriedigung des Bedürfnisses nach Wohnen weder aufgeschoben noch ersetzt werden. Welche Bedeutung ein Wohnraum hat, liegt in der subjektiven Vorstellungskraft eines jeden von uns. Damit verbunden wird Geborgenheit, Schutz, Sicherheit, Rückzugsmöglichkeit, Ruhe, Wärme, Entfaltung, der Wohnraum als Ort der Familie und Nähe, als existentielles Bedürfnis sowie identitätsbestimmende und individuelle Lebenswelt. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den adäquaten Buchtitel „Die dritte Haut" von Katrin Panier (2) verweisen, in dem sie in Anlehnung an eine Aussage von Friedrich Hundertwasser die Wohnung als solche bezeichnet, währenddessen die menschliche Haut sowie die Kleidung die beiden Ersten darstellen. Somit sind wir als Schutz vor Verletzlichkeit von drei Hüllen umgeben, einer biologischen, einer textilen und einer räumlichen.

 

Zur diagnostischen Problemfeststellung wird aufgrund der Komplexität bei Untersuchungen zur Wohnungslosigkeit oft auf den Lebenslagenansatz (vgl. Gahleitner (3) zurückgegriffen. Unterversorgung, Defizite, soziale Ungleichheiten lassen sich in folgenden Lebenslagen finden:

  • Versorgungs- und Einkommensspielraum, der den Umfang der möglichen Versorgung mit Gütern und Diensten bestimmt
  • Kommunikations-, Interaktions- und Kooperationsspielraum, der die Möglichkeiten sozialer Kontakte und des Zusammenwirkens mit anderen umreißt
  • der Lern- und Erfahrungsspielraum, der die Chancen zur Interessenentfaltung und realisierung durch Sozialisation, Bildung und Ausbildung, Erfahrungen in der Arbeitswelt usw. absteckt
  • der Dispositions- und Entscheidungsspielraum, der dem Individuum auf verschiedenen Lebensgebieten Mitbestimmung und Mitentscheidung erlaubt
  • der Muße- und Regenerationsspielraum, der den Ausgleich psychophysischer Belastungen ermöglicht und von den Arbeitsbedingungen, dem Wohnmilieu, der Umwelt usw. abhängt

 

Dieses geschlechtsneutral formulierte Theoriekonzept des Lebenslagenansatzes haben Enders-Dragässer und Sellach (vgl. 2005 (4) ) um nachstehende Handlungsspielräume geschlechtsdifferenziert erweitert:

  • der Sozialspielraum als Spielraum der sozialen bzw. häuslichen Bindung: gemeint
    sind Belastungen und Entlastungen, Versorgung und Verpflichtungen
  • der Geschlechtsrollenspielraum: gemeint sind offene und verdeckte Benachteiligungen von Frauen bzw. offene und verdeckte Privilegierung von Männern, z.B. Eingrenzung von Handlungsspielräumen und materiellen Rechten aufgrund der Übernahme der Haus- und Familienarbeit, Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt bzw. in der sozialen Absicherung
  • der Schutz- und Selbstbestimmungspielraum: gemeint sind Gesundheit, körperliche, seelische und mentale Integrität, Sicherheit vor Gewalt und Nötigung, aktive und sexuelle Selbstbestimmung, Handlungsspielraum für ein selbst bestimmtes Leben bei körperlichen, seelischen oder geistigen Beeinträchtigungen.

 

Von Wohnungslosigkeit betroffene Menschen bewegen sich in einer benachteiligten sozialen Lebenslage am unteren Niveau und haben kaum bis gar keine Kompensationsmöglichkeiten zum Ausgleich fehlender Handlungsspielräume. Tendenziell führt der prozesshafte, dynamische Verlauf von Wohnungslosigkeit langfristig zu einem sozialen Abstieg mit zunehmender Einengung von Handlungsspielräumen und trägt so letztendlich zur Verfestigung der Problemlage bei. Zur Vermeidung einer Chronifizierung von Wohnungslosigkeit ist eine Verbesserung der Gestaltungsmöglichkeiten entsprechend der individuellen Lebenslagen unumgänglich.

 

Ein lebenslagenorientiertes Konzept von Wohnungslosigkeit mit all ihren Ursachen und Begleiterscheinungen begründet eine notwendige Differenzierung der Hilfeangebote. Die Wohnungslosenhilfe ist damit konfrontiert, die differenzierten existentiellen Bedürfnisse aufgrund der multidimensionalen Problemlage in Zusammenarbeit mit Einrichtungen aus anderen Segmenten des psychosozialen Spektrums abzudecken. Zudem ist sie tendenziell auf den freien Wohnungsmarkt angewiesen und mit einer Verknappung von preisgünstigem Wohnraum konfrontiert. Leider lässt sich gerade Salzburg, die Wohnkosten betreffend, im Bundesländervergleich auf dem unrühmlichen ersten Platz verorten, Wohnen ist hier am teuersten.

 

Wohnungslosigkeit darf niemals als Randproblem betrachtet werden, sondern ist vielmehr Verletzung des gesellschaftlichen Entwicklungsstandes sowohl in zivilisatorischer als auch in menschlicher Hinsicht. Wohnungslosigkeit stellt sich für den Einzelnen als extrem belastendes, individuelles Problem dar, ist aber im Wesentlichen ein gesellschaftliches Problem, das sozialstaatliches Handeln bedarf. Unsere Aufgabe ist es daher, prekäre Lebenssituationen in den Blick zu nehmen, auf Problemlagen und strukturelle Dysfunktionalitäten aufmerksam zu machen und soziale Verbesserungen durch Erhalt, Veränderung oder Erweiterung von Ressourcen zu erwirken.


(1) Wohnungslosigkeit ist ein weit gefasster Begriff. Wenn ich hier von Wohnungslosigkeit spreche, meine ich nicht nur jene, die tatsächlich obdachlos sind und somit auf der Straße, in Abbruchhäusern, Eisenwaggons etc. leben müssen (akute Wohnungslosigkeit), sondern auch jene, die in Ermangelung einer eigenen Wohnung bei Bekannten oder FreundInnen unterschlupfen müssen, die in betreuten Unterkünften oder Pensionen nächtigen, die nach Kündigungen ihre Dienstwohnungen verlieren, aus der Haft oder der Psychiatrie entlassen werden etc.. Man spricht hier von latenter und primär für uns unsichtbarer, somit von versteckter Wohnungslosigkeit. Hinzu kommen jene, die z.B. aufgrund zu hoher Mieten in Relation zum Einkommen, aufgrund mangelnder mietrechtlicher Bestimmungen mit der ständigen Gefahr des Wohnungsverlustes leben müssen (potentielle Wohnungslosigkeit).

(2) Panier, K.: Die Dritte Haut. Geschichten von Wohnungslosigkeit in Deutschland. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2006

(3) Gahleitner, K.: Leben am Rand. Zur subjektiven Verarbeitung benachteiligter Lebenslagen. Frankfurt: Lang 1996

(4) Enders-Dragässer, U./Sellach, B.: Zielgruppen- und Bedarfsforschung für eine integrative Wohnungs- und Sozialpolitik. Forschungsbericht. Frauen in dunklen Zeiten. Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Frauenforschung e.V.: Frankfurt 10/2005

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